Ostfalia

Zentrum für additive Fertigung (ZaF) gegründet

Additive Fertigungsverfahren – vielfach stark vereinfacht auch als „3D-Druck“ bezeichnet – verändern die Welt, so scheint es nach den vielen Pressemeldungen und Veröffentlichungen in der jüngsten Vergangenheit. Wie Unternehmen, Konsumenten und die allgemeine Öffentlichkeit davon betroffen sein werden bzw. davon profitieren können, und wie diese Fertigungsverfahren weiterentwickelt werden können, wollen nun vier Fakultäten (Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik und Recht) der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften gemeinsam erforschen. Um die bisherigen Aktivitäten der Akteurinnen und Akteure an der Hochschule zu koordinieren, zu bündeln und aus den verschiedenen Blickwickeln unter Einbeziehung gesellschaftlich relevanter Fragestellungen zu betrachten, wurde das Zentrum für additive Fertigung (ZaF) gegründet.

Die Mitglieder des ZaF beim Gründungstreffen (von links): Professoren Gert Bikker (Vizepräsident), Christoph Haats, Andreas Ligocki, Christoph Borbe (alle drei Fakultät Maschinenbau), Andreas Simon (Fakultät Elektrotechnik), Udo Triltsch, Imad Ahmed (beide Fakultät Maschinenbau), Martin Müller (Fakultät Fahrzeugtechnik), Holger Brüggemann, Dipl.-Ing. Egbert Homeister (beide Fakultät Maschinenbau).

Unter additiver Fertigung versteht man die Herstellung von Objekten durch den schichtweisen Auftrag von Material, z.B. Kunststoffe, Metalle oder auch Keramik. Im Vergleich zu verbreiteten konventionellen Fertigungsverfahren wie z.B. Drehen, Fräsen, Druck-/Spritz-Gießen benötigt man keine klassischen Werkzeuge oder Formen für die Herstellung, sondern kann direkt aus Computer-Modellen (3D-CAD) Produkte erzeugen. Insbesondere bei Einzelstücken oder Kleinstserien ist das sehr viel kostengünstiger und schneller. Zudem sind durch den schichtweisen Aufbau der Produkte Geometrien möglich, die mit konventionellen Verfahren nicht oder nur sehr aufwendig realisierbar sind. Neben dem intensiv diskutierten Einfluss auf die industrielle Produktion ergeben sich eine Reihe von Einflüssen und Anwendungsmöglichkeiten in den Lebenswelten der Gesellschaft.

Ob es darum geht, Ersatzteile für die eigenen vier Wände auf Bestellung zu drucken, personalisierte Süßigkeiten für einen Geburtstag in der heimischen Küche zu produzieren oder Alltagsgegenstände wie z.B. Handyschalen oder Modeschmuckartikel aus der „Cloud“ auf den Drucker zu schicken - all diese Dinge sind oder werden in naher Zukunft möglich und üblich sein und ebenso Einzug in die Haushalte finden, wie einst in den 80er Jahren der „Heimcomputer“.

In der Medizintechnik werden „gedruckte“ Gipsschienen die Heilungsprozesse an Armen und Beinen unterstützen, spezielle, additiv gefertigte Prothesen der plastischen Chirurgie ganz neue Möglichkeiten eröffnen und den Zahnärzten die Fertigung von Inlays oder Kronen binnen weniger Minuten in der Praxis ermöglichen.

Schulen und auch andere Bildungseinrichtungen werden die additive Fertigung unmittelbar in der Lehre einsetzen können, um im Kunstunterricht neuartige Skulpturen oder Objekte zu fertigen oder um kurz vor der nächsten Unterrichtsstunde in Chemie noch schnell das Demonstrationsobjekt eines Moleküls zu drucken.

Und selbst auf der internationalen Raumstation ISS hat der 3D-Druck schon Einzug gefunden und umkreist die Erde.

„Klingt in der Theorie zunächst sehr gut, ist aber praktisch vielfach noch nicht ausgereift. Es sind noch sehr viele Fragen zu klären“, sagt Prof. Dr. Andreas Ligocki, Gründungsmitglied ZaF.

Was wird die additive Fertigung also mit uns anstellen? Kommt die Herstellung von Produkten wieder zurück in die Region, oder gar zurück ins eigene Haus? Wie wird insbesondere unsere ältere Gesellschaft auf diese neue Technologie reagieren können, wohingegen die jungen Menschen fast selbstverständlich mit der 3D-Druck-Technologie agieren? Wie verhält es sich mit Urheberrechten und Garantiefällen, wenn ein Ersatzteil oder ein Produkt unbekannter Herkunft aus dem Internet zum Einsatz kommt, oder noch viel schlimmer, gar versagt? Wie müssen die Lehre und der Technologietransfer auf diese neue Technologie abgestimmt werden? Müssen gar die bisherigen Konstruktionsregeln und -richtlinien neu überdacht werden, da die Produktion nun von der Konstruktion bestimmt wird und nicht mehr die Konstruktion von der Fertigungstechnik abhängig ist?

All diese Fragen sollen am neuen Zentrum für additive Fertigung der Ostfalia untersucht werden. 13 Professoren aus den Fakultäten Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik, Recht und Maschinenbau haben sich auf die Fahne geschrieben, mit dem fünften transdisziplinären Zentrum der Ostfalia die Bündelung von Forschungsaktivitäten aller, am ZaF beteiligter Fakultäten, innerhalb der Ostfalia voranzutreiben.

Das fakultätsübergreifende ZaF steht interessierten Kolleginnen und Kollegen der Ostfalia sowie anderer Fachhochschulen, Universitäten und Unternehmensvertretern offen. Es bietet ein Forum zur Zusammenarbeit, zum transdisziplinären Informations- und Erfahrungsaustausch, zur Bildung von Forschungsallianzen und zur gemeinsamen Anwerbung, Vorbereitung, Durchführung, Präsentation auch größerer und fakultätsübergreifender Projekte in Forschung, Entwicklung und Lehre. Daneben begleitet das ZaF Projekte der Wirtschaft, Verwaltung, der Politik und der Zivilgesellschaft als wissenschaftlicher Ansprechpartner und unterstützt bei der Gestaltung und Umsetzung neuer Ideen.

Schon jetzt ist das Zentrum für diese Fragestellungen und Aufgaben gut ausgerüstet. Mit mehr als 25 3D-Druckern und einem Einzelwert zwischen 2.500 und 250.000 Euro können nahezu alle derzeitig gängigen Technologien abgedeckt und an den komplexen Anforderungen gearbeitet werden.

„Wir wollen im wahrsten Sinne des Wortes Druck machen …“, so der frisch gewählte Vorstand des ZaF, bestehend aus Prof. Dr.-Ing. Christoph Haats, Prof. Dr.-Ing. Andreas Ligocki und Prof. Dr.-Ing. Achim Schmiemann „... und als eines der ersten Zentren seiner Art die genannten Veränderungen in Gesellschaft und Industrie aktiv und maßgeblich mit begleiten!“.

Weitere Informationen: www.ostfalia.de/zaf

Text:Lg/Me
Foto: Ostfalia


Vera Huber | Mon May 08 15:14:22 CEST 2017