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Thesis Creation Canvas

Das Thesis Creation Canvas ist ein Denkwerkzeug für dich, wenn du gerade deine Bachelor- oder Masterarbeit planst. 

Das Thesis Creation Canvas ist ein Denkwerkzeug für dich, wenn du gerade deine Bachelor- oder Masterarbeit planst. Es hilft dir, aus einem vagen Interesse ein klares, bearbeitbares Forschungsvorhaben zu machen – ohne dass du dafür schon ein fertiges Exposé brauchst.

Das Thesis Creation Canvas

1. Was das Canvas für dich leistet

Stell dir das Canvas als eine strukturierte Skizze deiner Arbeit vor, nicht als Formular, das du „richtig“ ausfüllen musst. Es unterstützt dich dabei,

  • dein Themenfeld zu fokussieren
  • eine tragfähige Forschungsfrage zu entwickeln
  • einen passenden Forschungsansatz zu wählen
  • die Art der erwarteten Ergebnisse zu klären
  • deinen eigenen Beitrag und die Grenzen der Arbeit sichtbar zu machen

Es ersetzt kein Exposé und keine Literaturrecherche, sondern liegt davor: Du nutzt es, um deine Gedanken zu ordnen, damit du anschließend ein klareres Exposé, eine Gliederung oder das Gespräch mit deiner Betreuung führen kannst.

2. Wie das Canvas aufgebaut ist

Das Canvas besteht aus fünf Feldern, die du nicht nacheinander abhaken, sondern als zusammenhängendes Bild betrachten solltest:

  1. Why – Warum ist das Thema relevant? Welches Problem oder welches Phänomen untersuchst du?
  2. What – Welche Art von Erkenntnis oder Ergebnisform strebst du an?
  3. How – Wie gehst du methodisch vor, um deine Frage zu beantworten?
  4. Own Research – Was ist dein eigener Beitrag?
  5. Konsistenzcheck – Passen Why, What und How in sich zusammen?

Du kannst das Canvas dabei sowohl für eher erklärende (behavioral) Arbeiten als auch für eher gestaltende (design-orientierte) Arbeiten nutzen: „Erkenntnisform“ ist bewusst weiter gefasst als „Artefakt“. Eine theoretische Modellbildung in einer Literaturarbeit ist genauso eine legitime Ergebnisform wie ein Framework, ein Vorgehensmodell oder ein Satz von Handlungsempfehlungen.

3. Schritt für Schritt: Wie du das Canvas konkret nutzt

3.1 Vom Thema zum Problem zur Frage (Why)

Viele starten mit Sätzen wie „Ich interessiere mich für KI im Marketing“ oder „Ich möchte etwas zur digitalen Transformation schreiben“. Das sind Themen, aber noch keine Forschungsprobleme.

Du kannst so vorgehen:

  1. Thema benennen
    Beispiel: „KI im Marketing“.
  2. Problem herausarbeiten
    Frage dich:

    • Wo genau gibt es Unklarheiten, Konflikte, offene Fragen?
    • Welche Praxisprobleme tauchen in diesem Feld auf?
    • Wo gibt es widersprüchliche Befunde oder Forschungslücken?

    Beispiel: „Unternehmen nutzen KI-gestützte Prognosemodelle, aber es ist unklar, wie stark sie die Entscheidungsqualität im Marketing wirklich verbessern.“

  3. Forschungsfrage formulieren
    Nutze typische Frageformate wie:

    • „Wie beeinflusst …?“
    • „Unter welchen Bedingungen tritt … auf?“
    • „In welchem Ausmaß wirkt …?“
    • „Wie kann … gestaltet werden, um … zu erreichen?“

    Beispiel:
    „Wie beeinflusst der Einsatz KI-gestützter Prognosemodelle die Entscheidungsqualität im strategischen Marketing mittelständischer Unternehmen?“

Indikatoren für Überbreite:

  • Du könntest „locker ein Buch“ zum Thema schreiben.
  • Du brauchst mehr als fünf Teilfragen, um das Thema zu fassen.
  • Du müsstest mehrere Methoden parallel einsetzen, um alles zu beantworten.

Wenn das zutrifft, reduziere noch einmal von Thema → Problem → Frage.

3.2 Teilfragen definieren

Wenn deine Frage komplex ist, formuliere 2–4 Teilfragen, zum Beispiel:

  • T1: Welche Arten von KI-gestützten Prognosemodellen werden im strategischen Marketing eingesetzt?
  • T2: Wie werden diese Modelle in Entscheidungsprozesse eingebunden?
  • T3: Wie nehmen Marketingverantwortliche die Auswirkungen auf ihre Entscheidungsqualität wahr?

Die Teilfragen strukturieren deine Kapitel und machen das Projekt abarbeitbar.

4. Wie du deinen Forschungsansatz wählst (How)

Im Feld How geht es darum, eine zum Problem passende Suchstrategie zu wählen – nicht darum, schon das endgültige Methodenkapitel zu schreiben.

Frage dich:

  • Will ich erklären/messen (z.B. Stärke eines Effekts)?
  • Will ich verstehen/strukturieren (z.B. Perspektiven, Muster, Kategorien)?
  • Will ich gestalten (z.B. Modell, Framework, Leitfaden entwickeln)?

Typische Optionen:

  • Quantitativ: Umfrage, Experimente, statistische Datenauswertung (z.B. wenn du Zusammenhänge oder Effekte messen möchtest).
  • Qualitativ: Interviews, Fallstudien, Dokumenten- oder Inhaltsanalyse (z.B. wenn du Bedeutungen, Erfahrungen, Strukturen verstehen möchtest).
  • Konzeptionell / Literaturbasiert: Theoretische Modellbildung, Framework-Entwicklung, Typologien, Hypothesen ableiten.

Wichtiger als der Modename ist die strukturelle Kohärenz:

  • Passt die Frage zu dem, was die Methode leisten kann?
  • Erzwingt die Methode tatsächlich eine Antwort auf die Forschungsfrage?
  • Entsteht aus der gewählten Vorgehensweise genau die Erkenntnisform, die du unter What beschrieben hast?

Beispiele für fehlende Kohärenz:

  • Du stellst eine Wirkungsfrage („Wie stark beeinflusst …?“), hast aber keine Messlogik, sondern nur offene Interviews.
  • Du möchtest explorativ herausfinden, „was es alles gibt“, nutzt aber nur einen stark standardisierten Fragebogen.
  • Du willst ein Design-Artefakt entwickeln, planst aber gar keine Form von Evaluation oder Rückkopplung.

5. Was am Ende als Ergebnisform herauskommen soll (What)

Im Feld What klärst du nicht, welche konkreten Inhalte du „herausbekommen willst“, sondern welcher Typ von Ergebnis angestrebt wird. Zum Beispiel:

  • ein Wirkungszusammenhang („X beeinflusst Y unter Bedingungen Z“)
  • eine Typologie (z.B. Arten von Nutzungsstrategien)
  • ein Entscheidungs- oder Bewertungsmodell
  • ein Prozessmodell / Vorgehensmodell
  • ein Framework
  • ein Set von Handlungsempfehlungen
  • ein theoretisches Modell in einer Literaturarbeit

Gerade in design-orientierten Arbeiten spricht man hier oft von einem Artefakt (Modell, Methode, Instanzierung). Für dich ist wichtig: Eine klare Ergebnisform reduziert Unsicherheit im Mittelteil der Arbeit und zwingt dich, Frage und Methode darauf auszurichten.

6. Dein eigener Beitrag und die Grenzen der Arbeit (Own Research)

Hier hältst du fest, was dein Beitrag ist – also der Teil, der über das bloße Zusammenfassen von Literatur hinausgeht. Zum Beispiel:

  • Du erhebst eigene Daten (Interviews, Umfrage, Experimente).
  • Du kombinierst bestehende Ansätze auf neue Weise.
  • Du überträgst ein Modell in einen neuen Kontext.
  • Du entwickelst oder schärfst ein theoretisches Modell.
  • Du entwirfst ein Framework oder Vorgehensmodell und reflektierst seine Anwendung.

Genauso wichtig: Was gehört nicht dazu?

  • Welche Aspekte lässt du bewusst weg (z.B. nur ein bestimmter Sektor, ein Land, ein Zeitraum)?
  • Welche Methoden setzt du gerade nicht ein (z.B. keine Experimente, keine Längsschnittdaten)?

Eine saubere Abgrenzung schützt dich vor übergroßen Projekten und macht deine Leistung klarer sichtbar.

7. Konsistenzprüfung als Meta-Ebene (Strukturelle Kohärenz)

Nutze am Ende – und regelmäßig zwischendurch – einen expliziten Konsistenz-Checkpoint. Drei Kontrollfragen helfen dir:

  1. Würde eine außenstehende Person die Logik nachvollziehen?
    – Sieht jemand von außen, wie du von Why über How zu What kommst?
  2. Erzwingt die Methode die Beantwortung der Frage?
    – Wenn du deine Methode ehrlich beschreibst: Kann sie die Frage überhaupt beantworten?
  3. Erzeugt die erwartete Ergebnisform tatsächlich Erkenntnis?
    – Führt dein What über reine Beschreibung hinaus und liefert einen klaren Erkenntnisgewinn?

Diese strukturelle Kohärenz ist eine Vorbedingung für gute wissenschaftliche Qualität:

  • Interne Konsistenz ist Voraussetzung dafür, dass deine Ergebnisse sinnvoll interpretierbar sind (Validität).
  • Ein passender methodischer Ansatz ist Voraussetzung dafür, dass deine Befunde belastbar und wiederholbar sind (Reliabilität).
  • Eine klare Frage erleichtert es, zentrale Begriffe zu operationalisieren und messbar bzw. analysierbar zu machen.

8. Wie das Canvas in deinen Arbeitsprozess passt

Du kannst das Canvas an mehreren Stellen im Prozess nutzen:

  • Vor der Themenfreigabe: um aus einem groben Interesse ein diskutierbares Konzept zu machen.
  • Als Diskussionsgrundlage mit Betreuenden: schick eine Version vor einem Gespräch, um schneller über Substanz statt über Formulierungen zu sprechen.
  • Während der Bearbeitung: Wenn du das Gefühl hast, „den Faden zu verlieren“, fülle das Canvas noch einmal aus und prüfe, ob sich deine Frage verschoben hat.
  • Vor dem Exposé: Nutze das Canvas, um dir klarzumachen, was ins Exposé gehört – viele Inhalte lassen sich direkt übertragen.

Wichtig: Das Canvas ist iterativ gedacht. Du füllst es nicht einmal aus und bist fertig, sondern:

  1. Erste Version erstellen
  2. Inkonsistenzen erkennen
  3. Frage schärfen, Methode nachziehen, Ergebnisform präzisieren
  4. Noch einmal von vorne – in einer verfeinerten Version

Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern normales wissenschaftliches Arbeiten.

9. Behavioral vs. Design: Für welche Arbeiten ist das Canvas geeignet?

Du kannst das Canvas für verschiedene Arten von Arbeiten einsetzen:

  • Behavioral / erklärende Arbeiten
    – Du erklärst ein Phänomen, prüfst Hypothesen, untersuchst Zusammenhänge.
    – Ergebnisform kann z.B. ein empirisch geprüfter Wirkungszusammenhang, ein erklärendes Modell oder eine strukturierte Synthese des Forschungsstandes sein.
  • Design-orientierte Arbeiten
    – Du entwickelst ein Artefakt (Framework, Vorgehensmodell, Leitfaden, Tool) und reflektierst bzw. evaluierst dessen Einsatz.
    – Ergebnisform ist deutlich gestaltend.
  • Reine Literaturarbeiten / Theoriearbeiten – Auch hier funktioniert das Canvas:
    • Why: welches theoretische Problem, welche Forschungslücke adressierst du?
    • How: wie strukturierst du die Literatur (z.B. systematische oder narrative Review-Strategie)?
    • What: welches theoretische Modell, welche Typologie, welches Synthese-Framework entsteht?

Wichtig ist nicht, in welche „Schublade“ deine Arbeit fällt, sondern dass Why, How und What in sich strukturell kohärent sind und dein eigener Beitrag klar sichtbar wird.

Checkliste

1. WHY – Problem & Forschungsfrage

Themenfokus

  • Ist das Thema klar eingegrenzt (kein „Buchthema“)?
  • Ist ein konkretes Problem benannt (nicht nur ein Interessengebiet)?
  • Ist die Relevanz nachvollziehbar (Praxis, Forschungslücke, Widerspruch, neue Entwicklung)?

Forschungsfrage

  • Nicht mit Ja/Nein beantwortbar
  • Analytisch oder gestaltend, nicht rein beschreibend
  • In Umfang und Zeit realistisch bearbeitbar
  • Begriffe sind klar und definierbar

Teilfragen

  • 2–4 sinnvolle Teilfragen vorhanden
  • Teilfragen strukturieren logisch die Hauptfrage
  • Jede Teilfrage zahlt direkt auf die Hauptfrage ein

2. HOW – Forschungsansatz & Methode

Grundlogik

  • Ist klar, ob ich erklären, verstehen oder gestalten will?
  • Passt die gewählte Logik zur Forschungsfrage?

Methodischer Fit

  • Kann meine Methode die Forschungsfrage tatsächlich beantworten?
  • Ist die Datengrundlage realistisch beschaffbar?
  • Sind zentrale Begriffe operationalisierbar bzw. analysierbar?

Typische Fehlkonstellationen ausgeschlossen

  • Wirkungsfrage ohne Messlogik vermieden
  • Explorative Frage nicht rein standardisiert untersucht
  • Design-Arbeit ohne Evaluationsgedanke vermieden

3. WHAT – Ergebnisform

Ergebnisart klar definiert

  • Ist klar, welche Art von Erkenntnis entstehen soll?

Mögliche Formen:

  • Wirkungszusammenhang
  • Typologie
  • Modell / Framework
  • Prozess- oder Vorgehensmodell
  • Handlungsempfehlungen
  • Theoretisches Synthesemodell

Kohärenzprüfung

  • Erzwingt meine Methode genau diese Ergebnisform?
  • Führt das Ergebnis über reine Beschreibung hinaus?
  • Ist der Erkenntnisgewinn explizit benennbar?

4. OWN RESEARCH – Eigener Beitrag

Eigenanteil

  • Eigene Datenerhebung ODER
  • Neue Kombination bestehender Ansätze ODER
  • Theoretische Weiterentwicklung ODER
  • Artefaktentwicklung / Modellbildung
  • Ist mein Beitrag klar von bestehender Literatur abgegrenzt?
  • Ist sichtbar, was meine eigenständige Leistung ist?

Abgrenzung

  • Ist klar definiert, was NICHT Bestandteil der Arbeit ist?
  • Ist der Untersuchungsrahmen realistisch eingegrenzt?
  • Vermeide ich methodische Überfrachtung?

5. Meta-Check: Strukturelle Kohärenz

Beantworte diese drei Fragen ehrlich:

  • Würde eine außenstehende Person meine Argumentationslogik nachvollziehen?
  • Erzwingt mein „How“ eine Antwort auf mein „Why“?
  • Erzeugt mein „What“ tatsächliche Erkenntnis?

Wenn eine dieser Fragen nicht eindeutig mit „Ja“ beantwortet werden kann: → Forschungsfrage schärfen → Methode anpassen → Ergebnisform präzisieren

Iteration ist Normalfall, kein Fehler.

6. Prozess-Check (Zeitpunkt)

  • Canvas vor Themenfreigabe genutzt
  • Canvas als Diskussionsgrundlage mit Betreuung verwendet
  • Canvas nach inhaltlicher Schärfung erneut geprüft
  • Vor Exposé nochmals Konsistenz geprüft