Hochaktuelles Thema: Prof. Dr. Udo W. Becker von der Fakultät Recht – Brunswick European Law School (BELS) hält im Rahmen des dritten Wolfenbüttler Klimaforums am 16. April 2026 auf dem Campus der Ostfalia an der Salzdahlumer Straße einen Vortrag über “Nachhaltigkeit auf der Kippe: Trumpsche Doktrin strikes back?”. Wir haben ihm im Vorfeld einige Fragen gestellt.
Britta Radkowsky, Ostfalia-Redaktion: Wie würden Sie den zentralen Zielkonflikt beschreiben, der hinter Debatten um Nachhaltigkeit und einer "trumpschen" Politik steht?
Prof. Dr. Udo W. Becker: Auf der einen Seite stehen naturwissenschaftliche Realitäten. Man kann in Randbereichen über die Reichweite des Klimawandels und die Intensität seiner Auswirkungen diskutieren. Es macht jedoch wenig Sinn, den Klimawandel insgesamt und seine Auswirkungen auf die zukünftigen Generationen zu bestreiten. Naturwissenschaftliche Realitäten sind keine Meinungen.
Auf der anderen Seite steht das Verlangen, menschliche Bedürfnisse zu möglichst geringen Kosten zu befriedigen. Das ist vor allem aus Perspektive der aktuellen Generation auch nicht unverständlich: Freie Entfaltung, Energiesicherheit und soziale Stabilität sind legitime Anliegen.
Wirtschaftliche Vorteile vs. langfristige Ziele
Warum erscheinen kurzfristige wirtschaftliche Vorteile politisch oft attraktiver als langfristige Nachhaltigkeitsziele?
Prof. Becker: Das liegt vor allem daran, wem diese Vor- und Nachteile zugutekommen. Kurzfristig erzielbare Vorteile treffen die aktuellen Generationen. Langfristige Nachteile treffen vor allem die zukünftigen Generationen. Nur die aktuelle Generation wählt und trifft Entscheidungen. Es kommt also auf ihre Nutzenspräferenz an. Der aktuellen Generation liegt natürlich auch das Wohl der zukünftigen Generationen am Herzen, aber eben auch ihr eigenes Wohl.
Wo sehen Sie legitime Kritik an einer ambitionierten Nachhaltigkeitspolitik – also Punkte, die nicht einfach von der Hand zu weisen sind?
Prof. Becker: Berechtigte Kritik richtet sich weniger gegen das “ob” des Klimaschutzes, sondern eher gegen das “wie”. Man kann z. B. in Frage stellen, ob die mehr oder weniger willkürliche Deklaration einzelner Industriezweige wie z. B. Atomkraft oder Erdgas als “nachhaltig” im Zuge der EU-Taxonomie Verordnung sinnvoll ist. So wird die Frage der Nachhaltigkeit von Atomkraft in Frankreich anders beantwortet werden als in Ost-Niedersachsen.
"Was nachhaltig ist, sollte der Markt entscheiden"
Gibt es Beispiele, in denen sich dieser Zielkonflikt bereits erfolgreich entschärfen oder auflösen ließ?
Prof. Becker: Was “nachhaltig” ist, sollte der Markt entscheiden. Wenn man für das Benzin nicht zahlen muss, so wird man immer den Pkw gegenüber den öffentlichen Verkehrsmitteln bevorzugen, jedenfalls wenn man wirtschaftliches Handeln unterstellt. Man internalisiert die Tankkosten nicht. Ähnlich ist es mit dem Klimaschutz: Wer nicht für Verschmutzung der Umwelt zahlen muss, wird verschmutzen. Politischen Willen vorausgesetzt könnten die Kosten jedoch internalisiert werden, sei es über eine sogenannte Pigou-Steuer oder über den CO2-Zertifikatehandel. Man kann durchaus ein Preisschild an die Verschmutzung hängen, so dass nur diejenigen verschmutzen, die sich den größten Nutzen davon versprechen.
Welche Rolle spielen dabei internationale Kooperationen, und was passiert, wenn große Akteure aus solchen Vereinbarungen ausscheren?
Prof. Becker: Die genannten Maßnahmen funktionieren nur, wenn alle mitmachen. Wenn einzelne (große) Akteure ausscheren, so bricht das System zusammen: Wenn ein europäisches Unternehmen für Verschmutzung zahlen muss, ein US-amerikanisches Unternehmen aber nicht, so entsteht ein kaum vermittelbarer Wettbewerbsnachteil.
Problem in der Debatte: Gesellschaft ist polarisiert
Welche Narrative oder Missverständnisse erschweren eine sachliche Debatte über diesen Zielkonflikt besonders?
Prof. Becker: Ein großes Problem besteht in der Polarisierung der Gesellschaft. Die Diskussion sinnvoller und weniger sinnvoller Maßnahmen ist kaum möglich, wenn auf der einen Seite der Klimawandel trotzig als “Hoax” bezeichnet wird, auf der anderen Seite jede Kritik einzelner Maßnahmen mit erhobenem Zeigefinger pauschal verdammt wird.
Wo sehen Sie die größten Hebel für Veränderung, in der Politik, in der Wirtschaft oder im Verhalten der Gesellschaft?
Prof. Becker: Die Frage ist zum einen, welche Verfahren am ehesten sozial akzeptiert werden. Marktgängige Verfahren wie die oben beschriebenen werden gegenüber Verboten immer einen Akzeptanzvorteil haben. Die Verteuerung von Benzin ist etwas anderes als das Verbot des Individualverkehrs. Gleichzeitig befördern marktgängige Verfahren den Innovationsdruck, etwa indem CO2-ärmer produziert wird.
Auf einen Blick: die Vorträge des Klimaforums
Das Klimaforum verbindet Bildung, Forschung und Engagement in einem offenen Veranstaltungsformat. Ab 14 Uhr beleuchten kurzweilige und informative Impulsvorträge aktuelle Themen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft – von nachhaltigem Konsum über innovative Gebäudetechnik bis hin zu moderner Produktion und Ressourcennutzung. Die Vorträge finden in der Aula der Ostfalia statt.
- 14 bis 14:25 Uhr: Marketing, Konsum und Klimawandel (Prof. Dirk Hohm)
- 14:30 bis 14:55 Uhr: Nachhaltige Lehre in Zeiten von KI – ein Erfahrungsbericht anhand des laborbasierten Brauens von Bier (Prof. Thorsten Ahrens)
- 15 bis 15:25 Uhr: Die Wissenschaft hinter modernen Gebäuden: Clever heizen, smart kühlen, nachhaltig bauen (Prof. Lars Kühl)
- Pause
- 16 bis 16:25 Uhr: Von selbstbewässernden Buswartehallen bis KlimaCubes – wie moderner Maschinenbau grüne Themen aufgreift (Prof. Andreas Ligocki)
- 16:30 bis 16:55 Uhr: Nutzung von Rest- und Abfallstoffen (Prof. Elke Wilharm)
- 17 bis 17:25 Uhr: Nachhaltigkeit auf der Kippe: Trumpsche Doktrin strikes back? (Prof. Udo W. Becker)
Im Anschluss spricht Eckart von Hirschhausen
Den Abschluss des Tages bildet um 18 Uhr der Vortrag von Eckart von Hirschhausen, Arzt, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator. Unter dem Titel seiner Stiftung "Gesunde Erde – Gesunde Menschen" zeigt er eindrücklich, warum Klimaschutz zugleich Menschenschutz bedeutet. Wegen der begrenzten Plätze gibt es ab 17:30 Uhr kostenlose Tickets an der Abendkasse; alternativ ist eine Reservierung vorab per E-Mail an nachhaltigkeit(at)ostfalia.de (öffnet Ihr E-Mail-Programm) möglich. Die reservierten Tickets liegen am 16. April zwischen 14 und 17:30 Uhr im Foyer der Ostfalia zur Abholung bereit.
Dann erfolgt die erstmalige Verleihung des Zukunftspreises Wolfenbüttel. Dieser zeichnet Projekte aus, die einen aktiven Beitrag zur Nachhaltigkeit im Landkreis Wolfenbüttel leisten – etwa in den Bereichen Umwelt, Bildung, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Ressourcenschonung oder Energie. Der Preis wird gemeinschaftlich von Stadt und Landkreis Wolfenbüttel, der Curt Mast Jägermeister Stiftung, der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und dem Zukunftsfonds Asse ausgelobt.