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Wie Assistenzsysteme auf Emotionen reagieren können

Aktuelles , , Fakultät Soziale Arbeit , Von: Stefan Thiede-Mysliwietz
Blick von Hinten auf den vollen Saal und die Podiumsdiskussion.
Foto: Stefan Thiede-Mysliwietz/Ostfalia

Am vergangenen Donnerstagabend verwandelte sich der fünfte Stock im Haus der Wissenschaft (externer Link, öffnet neues Fenster) in Braunschweig in ein Forum für die Zukunft der sozialen und medizinischen Versorgung. Unter dem Titel, „Wie intelligente Assistenzsysteme auf unsere Emotionen und Aufmerksamkeit reagieren können“, lud Prof. Dr. Sandra Verena Müller für den Leibniz WissenschaftsCampus Postdigitale Partizipation Braunschweig (externer Link, öffnet neues Fenster) zu einem Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion ein, der auf enormes Interesse stieß. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und bis in den späten Nachmittag hinein erreichten die Veranstalter Anfragen nach zusätzlichen Plätzen.

Die Veranstaltung wurde durch Dr. Jeremias Othman, den Geschäftsführer des Hauses der Wissenschaft, eröffnet, der die Gäste in der frühabendlichen Atmosphäre willkommen hieß. In ihrem Grußwort unterstrich Stadträtin Dr. Christina Rentzsch (externer Link, öffnet neues Fenster), Leiterin des Sozial-, Schul-, Gesundheits- und Jugenddezernats, die Bedeutung regionaler Vernetzung. Als Vorsitzende der Gesundheitsregion Braunschweig (externer Link, öffnet neues Fenster) betonte sie das Leitmotiv „kommunal, vernetzt und innovativ“, um technologische Innovationen direkt zu den Menschen in der Region zu bringen. Auch die Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit, Prof. Dr. Sandra Verena Müller, hieß das Publikum herzlich willkommen, dankte allen Beteiligten, die diesen interdisziplinären Austausch ermöglichten und führte in die Thematik ein.

Der anschließende Fachvortrag von Prof. Dr.-Ing. Britta Wrede (externer Link, öffnet neues Fenster) von der Universität Bielefeld bot tiefe Einblicke in die Arbeit des Forschungsbereichs für Inklusive Medizin. Ein zentrales Problem der heutigen medizinischen Versorgung ist die Diagnostik bei Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen, da klassische Verfahren oft auf standardisierten Fragebögen beruhen. Diese setzen jedoch eine Fähigkeit zur Selbsteinschätzung und Reflexion voraus, die bei dieser Personengruppe nicht immer im notwendigen Maße gegeben ist, was zu Fehldiagnosen oder einer Übermedikation führen kann. Prof. Wrede präsentierte hierzu das Projekt GazeAid (externer Link, öffnet neues Fenster), das einen objektiven technischen Ansatz verfolgt. Anstatt sich auf verbale Aussagen zu verlassen, nutzt das System Blickbewegungsanalysen und EEG-Daten, um Aufmerksamkeitsmuster präzise zu messen und so beispielsweise eine ADHS-Diagnose zu unterstützen. 

Neben der Diagnose steht die Unterstützung im Arbeitsalltag im Fokus, wie das Projekt IDWorkSupport (externer Link, öffnet neues Fenster) verdeutlicht. Dieses Assistenzsystem hilft Menschen mit Beeinträchtigungen in Werkstätten dabei, ihre Konzentration während der Arbeit zu trainieren. Erste Testläufe in der Praxis zeigten bereits beachtliche Ergebnisse, wobei die Daten auch aufzeigten, dass die Aufmerksamkeit im Verlauf einer Arbeitswoche messbar schwanken kann. Um diese Unterstützung so natürlich wie möglich zu gestalten, nutzt das Team körperliche Signale wie die Herzrate und Gesichtsausdrücke, die über Kameras erfasst werden. Die Technik erkennt dadurch, ob ein Mensch gerade gestresst oder überfordert ist, und passt die Aufgabenerklärungen individuell an. Ziel ist es, von einem reinen Datenmonolog der Maschine zu einem echten Dialog überzugehen, in dem die KI versteht, ob ihre Informationen beim Gegenüber tatsächlich ankommen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion gab es einen spannenden Austausch über die ethischen Grenzen der Technik. Gemeinsam mit Prof. Britta Wrede und Prof. Sandra Müller diskutierten Dr. Jonas Schwartze von der Nibelungen Wohnbau (externer Link, öffnet neues Fenster) und Stadträtin Dr. Christina Rentzsch unter anderem über Smart Home Technik und die Akzeptanz von Sensoren im privaten Wohnraum. Eine weitere Frage, die diskutiert wurde, war, welche Aufgaben Maschinen in Zukunft übernehmen sollten und wo die Grenzen der Automatisierung liegen. Prof. Wrede dämpfte dabei die Erwartungen an eine schnelle und umfassende Übernahme komplexer Alltagstätigkeiten durch Roboter, da viele dieser Systeme technologisch noch am Anfang stehen und mit hohen Kosten verbunden sind. Sie plädierte stattdessen für einen Weg, bei dem intelligente Assistenzsysteme den Menschen vor allem bei kognitiven Prozessen wie der Analyse und Diagnose unterstützen. Auf diese Weise bleibt der Mensch für jene Tätigkeiten zuständig, die technologisch auf absehbare Zeit schwer abzubilden sind. Damit reagierte sie auch auf einen kritischen Einwand aus dem Publikum, warum technologische Innovationen oft genau dort ansetzen, wo Menschen bereits über große Stärken verfügen, anstatt lediglich belastende Aufgaben abzunehmen. Die Expert:innen waren sich einig, dass die menschliche Komponente und das fachliche Urteil weiterhin im Mittelpunkt stehen müssen, da erfahrene Fachkräfte eine wichtige und notwendige Korrekturinstanz zur KI bilden.

Den Abschluss des Abends bildete ein reger Austausch bei Getränken und Snacks, bei dem viele Teilnehmende die Gelegenheit nutzten, die im Vortrag vorgestellten Konzepte weiter zu diskutieren. Der Leibniz WissenschaftsCampus und die Fakultät Soziale Arbeit der Ostfalia Hochschule bedanken sich bei allen Gästen und insbesondere Prof. Britta Wrede für diesen inspirierenden Abend. Er zeigte einmal mehr, dass die Soziale Arbeit der Zukunft digitaler wird, aber im Kern eine Profession der menschlichen Begegnung bleibt.

Bildergalerie

Ansprechperson

Prof. Dr. Sandra Verena Müller

Dekanin

Forschungsprofessur für Digitaliät in Rehabilitation und Teilhabe, Fakultät Soziale Arbeit

Gebäude Am Exer 6, Raum 115, Wolfenbüttel

Sprechstunde während der Vorlesungszeit:
nach Vereinbarung

Prof. Dr. Sandra Verena Müller