“Gemeinsam leben, studieren und arbeiten – ohne Sexismus”, das ist der Leitgedanke, unter dem die Veranstaltung #wir.verändern (9. und 10. Oktober 2026) steht. Im Hörsaal-Gebäude Am Exer werden Vorträge gehalten, Workshops durchgeführt und es gibt Mitmach- und Coaching-Angebote.
Inspirierend: Türkân Deniz-Roggenbuck
In ihrer Keynote “Wer oder was fehlt im V von Vielfalt?” zeigt Türkân Deniz-Roggenbuck, Expertin für Interkulturalität und Diversity sowie Alumna der Ostfalia, dass Diversität mehr als sichtbare Unterschiede bedeutet. Auch soziale Herkunft, Sorgeverantwortung und die Frage, wessen Stimme gehört wird, prägen Teilhabe und Chancengleichheit.
Sexismus zeige sich nicht nur in einzelnen Vorfällen, sondern auch in alltäglichen Routinen, Vorstellungen von Leistung und Führung sowie in der Bewertung von Kompetenz. “Sexismus zeigt sich in den institutionellen Verhältnissen und den unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben”, so Deniz-Roggenbuck. Es gelte deshalb, genau hinzuschauen: Wer darf entscheiden, wer wird anerkannt, wer übernimmt verantwortungsvolle Positionen und wer wird benachteiligt? “Es zählt nicht nur die gute Absicht, sondern die professionelle Reflexion auf den Ausgangspunkt.”
Persönlich: Nils Pickert
In seinem Vortrag “Alternative Männlichkeit“ verbindet der Journalist und Autor Nils Pickert persönliche Erfahrungen mit der Frage, wie Geschlechterrollen unser Leben prägen. Als sein Sohn als kleiner Junge gern die Kleider seiner älteren Schwester trug, zog Pickert aus Solidarität selbst einen Rock an und ging mit ihm durch die Innenstadt. Erstaunten Passanten erklärte er: “Wisst ihr denn nicht, dass heute Rock-und-Kleid-Tag ist?”
Pickert spricht auch über die Gewalt, die er als Kind in einer DDR-Kita erlebt hatte. Jungen, die beim verordneten Mittagsschlaf nicht gehorchten, seien in einen engen Besenschrank gesperrt worden. “Es gab nur zwei Möglichkeiten zu entkommen: Entweder man bettelte die Erzieherinnen an, einen rauszulassen, oder man schrie so lange, bis man in Ohnmacht fiel.”
Solche Erfahrungen mit emotionaler Härte prägten nachhaltig. Umso wichtiger sei es, Männlichkeit anders zu erzählen. Dass sich gesellschaftliche Vorstellungen verändern, beobachte er bereits: Als sein Sohn kürzlich zum Studium nach Amsterdam zog, hätten ihn seine Freunde unter Tränen verabschiedet.
Unterstützend: Marie Ritter
Im Online-Workshop “Beyond Networking – Allyship in Action” geht es um die Problematik, wie sich Netzwerke aktiv gestalten lassen und wie Menschen einander beruflich unterstützen können. Marie Ritter zeigt, wie wichtig es ist, andere einzubeziehen, ihre Sichtbarkeit zu stärken und sich gegenseitig Türen zu öffnen.
Dass die Perspektiven anderer dabei neue Impulse liefern, wird in den Breakout-Sessions deutlich. Sina Ciesielski, Mitarbeiterin der Ostfalia, nimmt aus dem Austausch vor allem neue Denkanstöße mit: "Für mich war es sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Perspektiven von Studierenden sind. Sie kommen auf ganz andere Lösungsansätze als ich.“
Begeisternd: Franziska Saxler
In der Lesung aus ihrem Buch “Er hat dich noch nicht mal angefasst” macht Dr. Franziska Saxler deutlich, dass (sexuelle) Belästigung weit über körperliche Übergriffe hinausgeht. “Gewalt muss als Spektrum verstanden werden”, betont sie. Auch wiederholte Einladungen, sexistische Witze oder verbale Grenzüberschreitungen können Ausdruck von Machtmissbrauch sein – insbesondere dort, wo Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, etwa im Hochschulkontext.
Saxler beleuchtet, wie sich Grenzverletzungen schrittweise entwickeln können und welche Rolle gesellschaftliche Belästigungsmythen spielen, etwa die Annahme, Betroffene hätten die Situation selbst provoziert oder hätten sich deutlicher wehren müssen. Im moderierten Gespräch mit Julia Weiß vom Gleichstellungsbüro und in der anschließenden Fragerunde mit dem Publikum geht es auch um die Verantwortung von Hochschulen: Aufklärung, Sensibilisierung und unabhängige Beschwerdestellen können dazu beitragen, Betroffene zu unterstützen und Grenzverletzungen entgegenzuwirken.
Individuell: Feministische Coachings
Julia Weiß bietet während der zweitägigen Veranstaltung feministische Coachings an. Im Mittelpunkt stehen dabei persönliche Anliegen wie Selbstzweifel, berufliche Unsicherheiten und schwierige Gespräche. Und es geht darum, wie gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechterrollen das eigene Denken und Handeln prägen. Weil die Nachfrage groß gewesen ist, soll das Coaching-Angebot nach #wir.verändern weiterbestehen, so die Gleichstellungsbeauftragte.
Hinterfragend: Wie sexistisch sind TV-Serien?
Außerdem haben die Teilnehmende von #wir.verändern die Möglichkeit, an sechs Mitmachstationen den eigenen Medienkonsum neu zu betrachten und zu erkunden, wie sexistisch die eigene Lieblingsserie ist. Die von Prof. Dr. Denise Sommer und Svenja Marquardt gestalteten Stationen lenken den Blick auf Routinen, die beim Fernsehen leicht unbemerkt bleiben: Wie viele Frauenfiguren sind in deutschen Filmen älter als 30? Und worüber sprechen Frauen in Serien, wenn es einmal nicht um Männer geht? Medien- und entwicklungspsychologische Erkenntnisse helfen dabei, vertraute Erzählmuster zu hinterfragen und Sexismus in Medieninhalten sichtbar zu machen.
Zur Kooperation im Hintergrund
Organisiert wurde #wir.verändern gemeinsam vom Zentrum für erfolgreiches Lehren und Lernen (ZeLL) und dem Gleichstellungsbüro der Ostfalia sowie dem feministischen Kollektiv valente* und dem Braunschweiger Zentrum für Gender Studies (BZG).