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Assistenzsysteme für mehr Inklusion: Ostfalia-Professorin bringt Expertise ein

Aktuelles , , Von: Stefan Thiede-Mysliwietz

Digitale Technologie zur Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigungen war Thema eines Vortragsabends, den Prof. Dr. Sandra Verena Müller organisiert hatte.

Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Sandra Verena Müller
Angeregte Podiumsdiskussion: Stadträtin Dr. Christina Rentzsch, Prof. Dr.-Ing. Britta Wrede, Prof. Dr. Sandra Verena Müller und Dr. Jonas Schwartze (von links nach rechts). Foto: Stefan Thiede-Mysliwietz/Ostfalia

Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen stehen im medizinischen Alltag oft vor besonderen Herausforderungen: Viele diagnostische Verfahren setzen voraus, dass Patient*innen ihre Symptome präzise beschreiben können. Genau hier setzen neue digitale Assistenzsysteme an. Sie analysieren beispielsweise Blickbewegungen oder körperliche Signale, um Aufmerksamkeit und Belastung objektiver zu erfassen. Welche Chancen darin für Diagnostik und Teilhabe liegen, war Thema eines Vortragsabends des Leibniz WissenschaftsCampus Postdigitale Partizipation Braunschweig (externer Link, öffnet neues Fenster), den Prof. Dr. Sandra Verena Müller, Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit an der Ostfalia, organisiert hatte.

Kein Platz mehr frei: Thema stieß auf großes Interesse

Prof. Müller, Inhaberin der Forschungsprofessur für Digitaliät in Rehabilitation und Teilhabe, führte dann auch in die Thematik der Veranstaltung ein. Diese Stand unter dem Titel "Wie intelligente Assistenzsysteme auf unsere Emotionen und Aufmerksamkeit reagieren können“ und stieß auf enormes Interesse. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Eröffnet wurde die Veranstaltung am 5. März 2026 durch Dr. Jeremias Othman, Geschäftsführer des Hauses der Wissenschaft, der die Gäste in der frühabendlichen Atmosphäre willkommen hieß. In ihrem Grußwort unterstrich Stadträtin Dr. Christina Rentzsch (externer Link, öffnet neues Fenster), Leiterin des Sozial-, Schul-, Gesundheits- und Jugenddezernats, die Bedeutung regionaler Vernetzung. Als Vorsitzende der Gesundheitsregion Braunschweig (externer Link, öffnet neues Fenster) betonte sie das Leitmotiv “kommunal, vernetzt und innovativ”, um technologische Innovationen direkt zu den Menschen in der Region zu bringen.

Der anschließende Fachvortrag von Prof. Dr.-Ing. Britta Wrede (externer Link, öffnet neues Fenster) von der Universität Bielefeld bot tiefe Einblicke in die Arbeit des Forschungsbereichs für Inklusive Medizin. Ein zentrales Problem der heutigen medizinischen Versorgung ist die Diagnostik bei Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen, da klassische Verfahren oft auf standardisierten Fragebögen beruhen. Diese setzen jedoch eine Fähigkeit zur Selbsteinschätzung und Reflexion voraus, die bei dieser Personengruppe nicht immer im notwendigen Maße gegeben ist, was zu Fehldiagnosen oder einer Übermedikation führen kann. Prof. Wrede präsentierte hierzu das Projekt GazeAid (externer Link, öffnet neues Fenster), das einen objektiven technischen Ansatz verfolgt. Anstatt sich auf verbale Aussagen zu verlassen, nutzt das System Blickbewegungsanalysen und EEG-Daten, um Aufmerksamkeitsmuster präzise zu messen und so beispielsweise eine ADHS-Diagnose zu unterstützen. 

Technik erkennt, ob ein Mensch gerade gestresst ist

Neben der Diagnose steht die Unterstützung im Arbeitsalltag im Fokus, wie das Projekt IDWorkSupport (externer Link, öffnet neues Fenster) verdeutlicht. Dieses Assistenzsystem hilft Menschen mit Beeinträchtigungen in Werkstätten dabei, ihre Konzentration während der Arbeit zu trainieren. Erste Testläufe in der Praxis zeigten bereits beachtliche Ergebnisse, wobei die Daten auch aufzeigten, dass die Aufmerksamkeit im Verlauf einer Arbeitswoche messbar schwanken kann. Um diese Unterstützung so natürlich wie möglich zu gestalten, nutzt das Team körperliche Signale wie die Herzrate und Gesichtsausdrücke, die über Kameras erfasst werden. Die Technik erkennt dadurch, ob ein Mensch gerade gestresst oder überfordert ist, und passt die Aufgabenerklärungen individuell an. Ziel ist es, von einem reinen Datenmonolog der Maschine zu einem echten Dialog überzugehen, in dem die KI versteht, ob ihre Informationen beim Gegenüber tatsächlich ankommen.

Spannender Austausch über die ethische Grenzen

In der anschließenden Podiumsdiskussion gab es einen spannenden Austausch über die ethischen Grenzen der Technik. Gemeinsam mit Prof. Britta Wrede und Prof. Sandra Müller diskutierten Dr. Jonas Schwartze (externer Link, öffnet neues Fenster) von der Nibelungen Wohnbau und Stadträtin Dr. Christina Rentzsch unter anderem über Smart Home Technik und die Akzeptanz von Sensoren im privaten Wohnraum. Eine weitere Frage, die diskutiert wurde, war, welche Aufgaben Maschinen in Zukunft übernehmen sollten und wo die Grenzen der Automatisierung liegen. Prof. Wrede dämpfte dabei die Erwartungen an eine schnelle und umfassende Übernahme komplexer Alltagstätigkeiten durch Roboter, da viele dieser Systeme technologisch noch am Anfang stehen und mit hohen Kosten verbunden sind.

Sie plädierte stattdessen für einen Weg, bei dem intelligente Assistenzsysteme den Menschen vor allem bei kognitiven Prozessen wie der Analyse und Diagnose unterstützen. Auf diese Weise bleibt der Mensch für jene Tätigkeiten zuständig, die technologisch auf absehbare Zeit schwer abzubilden sind. Damit reagierte sie auch auf einen kritischen Einwand aus dem Publikum, warum technologische Innovationen oft genau dort ansetzen, wo Menschen bereits über große Stärken verfügen, anstatt lediglich belastende Aufgaben abzunehmen. Die Expert:innen waren sich einig, dass die menschliche Komponente und das fachliche Urteil weiterhin im Mittelpunkt stehen müssen, da erfahrene Fachkräfte eine wichtige und notwendige Korrekturinstanz zur KI bilden.

Den Abschluss des Abends bildete ein reger Austausch bei Getränken und Snacks, bei dem viele Teilnehmende die Gelegenheit nutzten, die im Vortrag vorgestellten Konzepte weiter zu diskutieren. 

Prof. Dr. Sandra Verena Müller
Leitete in die Thematik ein: Prof. Dr. Sandra Verena Müller, Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit an der Ostfalia und Inhaberin der Forschungsprofessur für Digitaliät in Rehabilitation und Teilhabe. Foto: Stefan Thiede-Mysliwietz/Ostfalia
Dr. Jeremias Othman
Eröffnet wurde die Veranstaltung von Dr. Jeremias Othman, Geschäftsführer des Hauses der Wissenschaft in Braunschweig, der die Gäste in der frühabendlichen Atmosphäre willkommen hieß. Foto: Stefan Thiede-Mysliwietz/Ostfalia
Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Sandra Verena Müller
Stadträtin Dr. Christina Rentzsch betonte das Leitmotiv "kommunal, vernetzt und innovativ", um technologische Innovationen direkt zu den Menschen in der Region zu bringen. Foto: Stefan Thiede-Mysliwietz/Ostfalia
Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Sandra Verena Müller
Prof. Dr.-Ing. Britta Wrede von der Universität Bielefeld bot tiefe Einblicke in die Arbeit des Forschungsbereichs für Inklusive Medizin. Foto: Stefan Thiede-Mysliwietz/Ostfalia
Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Sandra Verena Müller
Diskussion vor vollem Haus: Das Thema des Vortragsabends stieß auf großes Interesse. Foto: Stefan Thiede-Mysliwietz/Ostfalia

Ansprechperson

Prof. Dr. Sandra Verena Müller

Dekanin

Forschungsprofessur für Digitaliät in Rehabilitation und Teilhabe, Fakultät Soziale Arbeit

Gebäude Am Exer 6, Raum 115, Wolfenbüttel

Sprechstunde während der Vorlesungszeit:
nach Vereinbarung

Prof. Dr. Sandra Verena Müller