Vom Elektriker auf der Baustelle zum angehenden Sozialarbeiter: André Gellert (28) studiert Soziale Arbeit an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und steht kurz vor seinem Abschluss. Sein Weg führte über Realschule, Ausbildung und einen Immaturenkurs ins Studium. Im Interview spricht er über Veränderung, Zuversicht und warum er heute weiß, dass Umwege dazugehören.
Mandy Fleer, Ostfalia-Redaktion: André, wie war dein Weg bis zum Studium?
André: Ich war auf der Realschule und hatte damals das Gefühl, dass man ziemlich klar in Richtung Ausbildung gesteuert wird. Also habe ich eine Ausbildung zum Elektriker gemacht. Schon am ersten Tag war ich nicht wirklich überzeugt, aber ich hatte keine echte Alternative vor Augen. Vier Jahre habe ich als Elektriker gearbeitet. Verantwortung zu übernehmen hat mir Selbstvertrauen gegeben, aber erfüllt hat mich der Beruf nicht.
Wie kam es zur Entscheidung für ein Studium der Sozialen Arbeit?
André: Der Ton auf der Baustelle war oft rau – das hat einfach nicht zu mir gepasst. Und ich habe gemerkt, dass es mir Spaß macht, anderen etwas zu erklären und sie zu unterstützen. Relativ schnell war mir klar: wenn Studium, dann Soziale Arbeit.
Wie ging es dann weiter?
André: Über einen Immaturenkurs. Meine Mutter hat selbst über den zweiten Bildungsweg Soziale Arbeit studiert, also wusste ich von dieser Möglichkeit. Der Kurs ging ein halbes Jahr lang. Ich hatte in der Zeit eine 55-Stunden-Woche – tagsüber arbeiten, abends Schule. Das war wirklich anstrengend, aber das war es mir wert. Danach musste ich an der Ostfalia noch eine schriftliche und mündliche Eignungsprüfung bestehen.
Mit welchen Gefühlen bist du ins Studium gestartet?
André: Mit Respekt. Vor allem davor, Anschluss zu finden. Soziale Arbeit lebt vom Austausch, da wollte ich nicht außen vor bleiben. Die Ersti-Veranstaltungen und die Back-to-Campus-Party haben sehr geholfen. Und in größeren Kursen mit rund 120 Studierenden konnte ich mich gut einfinden.
Was hat dir am Studium besonders gefallen?
André: Definitiv der Austausch auf Augenhöhe. Wir haben viel diskutiert, reflektiert und hinterfragt. Auch der Kontakt zu den Dozierenden war sehr nahbar. Man wurde ernst genommen und hat sich wertgeschätzt gefühlt.
Wie praxisnah war das Studium?
André: Sehr! Vor dem Studium habe ich ein Vorpraktikum in der Flüchtlingshilfe gemacht, später ein sechswöchiges Praktikum in einer Jugendwohngruppe. Statt eines Vertiefungspraktikums habe ich an einer einwöchigen Expedition nach England teilgenommen und vor Ort Einblicke in Social Work und Social Care bekommen. Solche Perspektiven erweitern enorm den Blick.
Was kommt nach dem Abschluss?
André: Nach dem Kolloquium starte ich ins Berufsanerkennungsjahr in der ambulanten Familienhilfe. Dort unterstütze ich Familien mit komplexen Problemlagen und vermittle an passende Hilfsangebote. Ich habe Respekt davor, aber vor allem Zuversicht, dass ich das gut machen werde.
Was möchtest du Studieninteressierten mitgeben?
André: Veränderung macht Angst, aber sie gehört dazu. Ein Studium verändert einen. Wenn man das reflektiert, merkt man, wie viel man daran wächst. Und: Ein perfekter Plan funktioniert selten. Aber irgendwie geht es immer weiter. Man findet seinen Weg, auch wenn er nicht geradlinig ist.