Drei Jahre lang hat ein Forschungsteam der Fakultät Soziale Arbeit (externer Link, öffnet neues Fenster) der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften ein besonderes Jugendhilfeangebot wissenschaftlich begleitet. Im Projekt „Dynamite" untersuchten Prof. Dr. Timo Schreiner, Professor für Kinder- und Jugendhilfe, und Dr. Sandrine Bakoben gemeinsam ein stationäres, intensivpädagogisches Wohnangebot zur Perspektivklärung des AWO-Bezirksverbandes Braunschweig. Das Angebot war in interkommunaler Zusammenarbeit der Jugendämter von fünf Landkreisen in Süd-Ost-Niedersachsen entstanden und nimmt junge Menschen aus der Region auf, die von bestehenden Jugendhilfeangeboten vorübergehend nicht mehr erreicht werden. Zum Abschluss luden die Forschenden zu einem zweitägigen Workshop ein, an dem Vertreter*innen der beteiligten Jugendämter, freie Träger aus der Region, Lehrende und Studierende der Hochschule sowie Mitarbeitende der AWO am 10. und 11. Juni teilnahmen.
Drei Felder standen im Mittelpunkt: die interkommunale Organisationsform, die Deutungsmuster der Jugendlichen und die Frage, wie in der Jugendhilfe überhaupt ein „Fall" entsteht. Genau diese Frage brachte den Gedanken des Projektes auf den Punkt – schauen Fachkräfte und Behörden auf den jungen Menschen oder auf den „Fall"? Die Forschung zeigt, wie stark Sprache und organisationale Abläufe prägen, wie über Jugendliche gesprochen wird und wie diese sich daraufhin selbst sehen. Wird ein junger Mensch zum „Fall", folgt häufig eine Problemorientierung, bei der sein Verhalten vor allem als Schwierigkeit gelesen wird. Begriffe wie „Systemsprenger*innen" sollen Orientierung geben, rücken aber vom einzelnen Menschen ab und können stigmatisierend wirken.
Einen besonderen Zugang wählte das Team bei der Frage nach den Erwartungen: Die pädagogischen Fachkräfte wurden bereits befragt, bevor die ersten Jugendlichen einzogen und ein Jahr später erneut. So ließ sich nachzeichnen, welche Vorstellungen mit dem Angebot und mit dem Begriff „Systemsprenger*innen" verbunden waren und wie sehr sich die spätere Wirklichkeit davon unterschied. Die Erwartungen, die der Begriff weckte, fielen deutlich dramatischer aus als das, was den Alltag im Wohnangebot dann tatsächlich prägte. Häufig, so ein roter Faden der Ergebnisse, sagt eine solche Zuschreibung mehr über das System und seine Erwartungen aus als über den jungen Menschen selbst. Wie nah Fremd- und Selbstbild beieinanderliegen, machte das Team an seinen Beobachtungen deutlich: So wurde etwa ein Jugendlicher zunächst über seine Akte vorgestellt, brachte im Gespräch aber ein ganz anderes, eigenes Lebensthema mit als jenes, das zuvor erwartet und in seiner Akte festgehalten wurde.
Methodisch stützt sich das Projekt auf ethnografische Beobachtungen mit rund 500 Seiten Protokoll, auf Interviews mit allen beteiligten Jugendämtern, auf die Gruppendiskussionen mit den Fachkräften sowie auf Dokumentenanalysen. Ihre Ergebnisse verstehen die Forschenden ausdrücklich nicht als Urteil über die Praxis, sondern als Einladung zur gemeinsamen Diskussion. Schreiner ordnete ein, dass organisationale Strukturen und Sprache die Sichtweisen der Jugendlichen stark prägen und pädagogische Maßnahmen deren Alltag bestimmen können und dass sich daraus wichtige Hinweise für die Weiterentwicklung des Angebots gewinnen lassen.
Vertieft werden die Befunde in mehreren Fachartikeln, darunter eine Veröffentlichung zur interkommunalen Zusammenarbeit sowie ein in Kürze erscheinender Beitrag in der Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, der das Zusammenspiel von Fremd- und Selbstdeutung in den Mittelpunkt rückt. Gefördert wurde „Dynamite" von der Kroschke Kinderstiftung, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz sowie den Landkreisen Helmstedt und Hildesheim.