Gemeinsam mit Mitgliedern des Runden Tisches gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und jungen Menschen hat Prof. Dr. Olaf Lobermeier von der Fakultät Soziale Arbeit der Ostfalia Hochschule eine Studie vorgestellt, die erstmals Daten zu sexuellen Übergriffen im Fahrschulunterricht liefert. Der Fahrlehrerverband Niedersachsen e.V. begrüßt die Untersuchung und will auf Basis der Ergebnisse Maßnahmen entwickeln. Die Arbeitsgruppe plant, mit Fahrschulen und Verbänden ins Gespräch zu kommen, um Präventionsstrategien und Aufklärungskampagnen auf den Weg zu bringen.
Für die repräsentative Befragung „Grenzüberschreitungen im Rahmen des Fahrschulunterrichts“ wurden im Juni und Juli 2026 rund 10.000 junge Erwachsene der Jahrgänge 2000 bis 2009 in Braunschweig postalisch angeschrieben. 928 Personen nahmen an der anonymen Onlinebefragung teil.
Was die Ergebnisse zeigen
- 41 Prozent der jungen Frauen gaben an, selbst unangenehme Witze und Kommentare im Fahrschulunterricht erlebt zu haben. Bei jungen Männern waren es 19 Prozent. Weitere Grenzüberschreitungen waren unter anderem aufdringliche oder anzügliche Bemerkungen, sexuelle Anspielungen, aufdringliche Blicke bis hin zu ungewolltem Körperkontakt, Einladungen zu privaten Treffen oder ungewollte Nachrichten mit sexuellem Bezug.
- 23 Prozent der betroffenen Frauen stuften den Vorfall als „schlimm“ oder „sehr schlimm“ ein; bei den Männern waren es 12,5 Prozent.
- Die Mehrheit der Betroffenen hat den Vorfall nicht gemeldet. Die häufigsten Gründe: Keine Notwendigkeit gesehen (64,1 Prozent), nicht schwerwiegend genug (55,5 Prozent) oder Tat nicht beweisbar (19,9 Prozent).
- 22,8 Prozent der jungen Frauen und 8,6 Prozent der jungen Männer gaben an, sich nach dem Vorfall eher oder sehr unsicher zu fühlen.
Wer sind die Täter, wo passieren die Übergriffe?
In 68 Prozent der Fälle spielten sich die Vorfälle im Fahrschulwagen ab, seltener im Theorie-Unterricht. 88,6 Prozent der Befragten gaben an, dass der Täter männlich war. Das Alter wurde mehrheitlich zwischen 41 und 50 Jahren oder darüber vermutet.
Ostfalia-Professor Dr. Olaf Lobermeier, der die Studie wissenschaftlich geleitet und durchgeführt hat, sagt: „Wir haben erwartet, dass viele junge Menschen Erfahrungen mit sexualisierten Grenzüberschreitungen im Fahrschulunterricht gemacht haben. Aus ähnlichen Untersuchungen im Sport wissen wir, dass derartige Grenzüberschreitungen keine Einzelfälle sind. Die eindrücklichen Schilderungen der jungen Menschen in den offenen Kommentaren machen aber sehr deutlich, dass man über dieses Problem nicht hinwegsehen kann. Hier werden vor allem junge Frauen nachhaltig in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt.“
Die Beauftragte für Jugendsachen der Polizeiinspektion Braunschweig, Ines Fricke, ist von den Ergebnissen nicht überrascht. Im Rahmen ihres Schulunterrichts zum Thema Gewaltprävention berichteten ihr Schülerinnen mehrfach von übergriffigem Verhalten durch Fahrlehrer während der Fahrschulausbildung. Besorgniserregend ist dabei, dass die jungen Fahrschülerinnen aus Unsicherheit oder auch aus Scham das Verhalten nicht publik gemacht haben und es somit keine Konsequenzen für den übergriffigen Fahrlehrer gab.
Ann-Kristin Hartz, Geschäftsführerin von Sichtbar. Fachzentrum gegen sexualisierte Gewalt e.V. ergänzt: „Neben der Abhängigkeit der Fahrschüler*innen gegenüber ihren Fahrlehrern besteht auch ein Machtgefälle. Es handelt sich bei den Situationen, in denen Übergriffe passieren, vor allem um solche, in denen keine weiteren Personen, also potenzielle Zeug*innen zugegen sind und somit die Glaubwürdigkeit der betroffenen Personen schnell in Frage gestellt werden kann. Es handelt sich um eine „Aussage gegen Aussage Situation“ gepaart mit der Angst „mir glaubt sowieso keiner“. Zudem geben sich Betroffene oft selbst die Schuld, sich nicht genügend zur Wehr gesetzt oder „falsche Signale“ gesendet zu haben.“
Die Jugendberatung bib in Braunschweig sieht einen klaren Handlungsbedarf in den Ergebnissen. Zwar stufen viele Betroffene die Vorfälle als „nicht schwerwiegend“ ein und melden sie daher nicht. Allerdings zeigen die Angaben zu Unsicherheit und Beeinträchtigung von Lebensqualität (signifikant höher bei Frauen), dass die Folgen real sind. Das Muster der Grenzüberschreitungen (hoher Männeranteil bei Tätern, häufiger Tatort Fahrschulwagen, Altersschwerpunkt 41+) spricht für strukturelle Präventionslücken in Fahrschulen.
„Ich finde es erschreckend, dass sich 22,8 %, der jungen Frauen und 8,6 % der jungen Männer nach der Fahrschulzeit in Ihrem Sicherheitsgefühl beeinträchtigt fühlen, und dafür auch noch Geld bezahlt haben“, resümiert die kommunale Gleichstellungsbeauftragte Marion Lenz. „Ich bin froh, dass wir Licht in dieses Dunkelfeld bringen.“
Auch der Fahrlehrerverband Niedersachsen e.V. nimmt das Ergebnis sehr ernst. Der erste Vorsitzende Klaus Napierski begrüßt die Untersuchung: „Es gab immer wieder einzelne Vorwürfe, uns haben aber die Fakten gefehlt. Was passiert genau, wo und wie häufig? Endlich haben wir Fakten, die wir uns gründlich ansehen werden um sinnvolle und zielgenaue Maßnahmen zu entwickeln. Denn ein weiter so darf es nicht geben. Ich danke der Arbeitsgruppe, bei der eines unserer Vorstandsmitglieder kontinuierlich mitgearbeitet hat, ausdrücklich.“
Die Arbeitsgruppe
Entwickelt wurden die Grundlagen der Befragung von der „Arbeitsgruppe Fahrschule“ des Braunschweiger „Runden Tisches gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und jungen Menschen“, die sich mit dem Thema der sexuellen Übergriffe in Fahrschulen auseinandersetzt. Zu dieser Arbeitsgruppe gehört die kommunale Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Braunschweig, das Präventionsteam der Polizeiinspektion Braunschweig, die Braunschweiger Fahrschulen „Ulrike Kasper“ und „Zachmann“, die Jugendberatung bib und „Sichtbar. Fachzentrum gegen sexualisierte Gewalt“.